Edition

Post von uns

Einmal alle sechs Monate erscheint unsere Kundenzeitschrift. Wir berichten darin über unseren Alltag und über Aktuelles rund um unser Weingut und unsere Weine.

Freundschaftsbesuch
auf Schloss Reichenau

Edition 02

Begeistert vom Pinot Noir

Kleine Besuche bei Winzerfreunden in anderen Landesgegenden erhalten die Freundschaft! Dieses Mal reisen Alain und Marilen ins Bündner Rheintal, nach Reichenau zu Gian-Battista und Johann-Baptista von Tscharner.

Hier, am Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein, liegt das geschichtsträchtige Schloss Reichenau, wo Vater und Sohn von Tscharner aus elf verschiedenen Traubensorten 19 Weine erzeugen. Nach dem obligaten Rundgang durch den Schlosskeller, wo Tausende von Weinflaschen verschiedenster Provenienzen lagern, setzt man sich in einem der getäferten Festsäle zu Tisch. Vesperplättli mit Alpkäse, Salsiz und Speck werden aufgetragen, Weinflaschen entkorkt, und schon dreht sich das Gespräch um die verschiedenen Pinot Noirs in den Gläsern.

Im Bündner Rheintal ist der Pinot Noir, der in der Deutschschweiz auch Blauburgunder genannt wird, der unangefochtene König unter den Rebsorten. Noch bis Mitte des 17. Jahrhunderts wurden dort aber mehrheitlich weisse Rebsorten wie Elbling und weisser Veltliner angebaut. Während der Zeit der «Bündner Wirren» (1618–1639) sollen aus Frankreich heimkehrende Söldner Stecklinge von Pinot-Noir-Reben mitgebracht haben. Innert weniger Jahre verdrängte daraufhin die edle rote Burgunderrebe die weissen Rebsorten und wurde zur dominierenden Varietät im Bündner Rheintal. Auch auf Schloss Reichenau ist der Pinot Noir König. Vater und Sohn von Tscharner füllen aus Lagen in Maienfeld, Jenins, Chur und Felsberg nicht weniger als acht verschiedene Pinot Noirs ab.

«Der Pinot Noir ist eine Diva», kommentiert Gian-Battista von Tscharner. «Aber wenn man ihn mit Respekt behandelt und ihm die nötige Aufmerksamkeit schenkt, dann belohnt er einen mit wunderbaren, einzigartigen Weinen.» Diese Begeisterung für den Pinot Noir teilen nicht nur sein Sohn Johann-Baptista, sondern auch Alain und Marilen. «Wer Pinot Noir anbaut, hat kein leichtes Leben, weil er einem keine Fehler verzeiht», resümiert Alain. «Doch wenn man einen wirklich guten Pinot Noir im Glas hat, dann ist jeder Schluck ein unvergesslicher sinnlicher Genuss.»

«Der Pinot Noir ist eine kapriziöse Diva, die uns Winzer vor allem in schwierigen Jahren fordert. Dann zeigt sich, ob wir auf der Höhe unseres Könnens sind.»


Gian-Battista

Die Schweiz
als Pinot-Noir-Land

Der Pinot Noir gilt als die nobelste und feinste Rotweinsorte der Welt. Er ist schwierig im Anbau, da ihn seine dünnen Traubenschalen anfällig für Fäulniserkrankungen machen. Zudem stellt er hohe Ansprüche an Boden, Standort und Klima. Er mag Kalksteinböden und relativ kühle Anbaugebiete. «Wenn der Pinot Noir zu schnell reift, verliert er seine aromatische Komplexität und seinen Finessenreichtum», kommentiert Marilen.

Lange galt es als ausgemacht, dass grosse Pinot-Noir-Weine nur im Burgund erzeugt werden können. Dieser Vorbehalt ist freilich längst widerlegt, keltern doch ambitionierte und qualitätsbewusste Winzerinnen und Winzer nunmehr auch in anderen Anbaugebieten hervorragende Pinot-Noir-Gewächse. Das gilt auch für die Schweiz, wo der Pinot Noir mit einer Rebfläche von 3948 Hektaren (2019) die wichtigste Rotweinsorte ist. Auch im Haus Schwarzenbach spielt der Pinot Noir eine grosse Rolle. Aktuell ist ein Viertel der Rebfläche – rund 2,4 Hektaren in fünf Reblagen – mit Pinot Noir bestockt.


«Ich bin ein Säureliebhaber. Eine saftige, harmonische Säure ist der Lebensnerv eines Weines.»


Johann-Baptista




Churer Blauburgunder «Johann-Baptista» 2016
Pinot Noir, Graubünden AOC, CHF 32.00, 75 cl
www.reichenau.ch

«Nicht nur im Bündner Rheintal, sondern auch am Zürichsee sind die natürlichen Voraussetzungen gegeben, dass sich der Pinot Noir von seiner besten Seite zeigen kann», sagt Alain. «Während im Bünder Rheintal die Böden von kalk- und tonhaltigem Schiefer geprägt sind, haben wir bei uns in Meilen mittelschwere, tonhaltige Böden auf Sandsteinuntergrund.» Dazu kommen als weitere wichtige Einflussfaktoren das milde, nebelfreie Klima im Bündner Rheintal und das moderate Seeklima in Meilen. Neben der Klonauswahl (es gibt über 50 Pinot-Noir-Klone!) und der Arbeit im Keller sind es diese Terroirverhältnisse, die den Pinot-Noir-Weinen der beiden Gebiete ihre spezifischen Charakteristiken verleihen.

Noble Pinot Noirs

Wenn Winzerfreunde zusammenkommen, dann wird natürlich nicht nur über Wein geredet. Man verkostet
und trinkt zusammen immer auch die eigenen Weine, aktuelle Jahrgänge ebenso wie ältere, gereifte Tropfen. Der Verkostungsreigen beginnt mit zwei Top-Gewächsen des Jahrgangs 2016: vom Schloss Reichenau der «Johann-Baptista» und von Schwarzenbach Weinbau der «Sélection». Im «Johann-Baptista» finden die Trauben zweier unterschiedlicher Lagen in Chur harmonisch zusammen. «Das Ziel ist es, einen etwas eleganteren, runderen und früher trinkreifen Wein zu keltern als den kräftigeren ‹Gian-Battista›, die Top-Kreation meines Vaters», erklärt Johann-Baptista. Der «Sélection» seinerseits vereint die besten, einzeln gekelterten Pinot-Noir-Lagen und Alains und Marilens Auswahl der schönsten Pinot-Noir-Barriques eines Jahrgangs. Marilen: «Dieser Wein soll sich durch Eleganz, Komplexität und ein gutes Alterungspotenzial auszeichnen.»

«Bei uns am Zürichsee entstehen saftig-elegante Pinot Noirs. Im Bündner Rheintal dagegen zeigen sie mehr Kraft und Stoffigkeit.»


Alain





Pinot Noir Sélection 2016
Pinot Noir, Zürichsee AOC, CHF 34.00, 75 cl
Zum Wein »

«2016 war ein eher kühles Jahr», kommentiert Johann-Baptista von Tscharner. «Das Resultat sind stoffig-elegante Pinots Noirs mit schönen rotbeerigen Fruchtnoten und einer saftigen, harmonisch integrierten Säure.» Alain nickt zustimmend: «2016 ist einer besten Pinot-Noir-Jahrgänge der letzten Jahre», sagt er und fügt an: «Das sind zwei schöne, jahrgangstypische Weine, die schon jetzt grossen Trinkspass bereiten, denen aber noch etwas Kellerruhe gut bekommt, damit sie zeigen können, was in ihnen steckt.»

Wie aber steht es um Pinot-Noir-Gewächse der beiden Weingüter, die bereits etliche Jahre Kellerruhe genossen haben? In der Weinwelt gilt bekanntlich die Regel, dass ein Wein dann als gross und nobel bezeichnet werden kann, wenn er sich während mindestens zehn Jahren in positiver Richtung weiterentwickelt. Auf dem Prüfstand sind von jedem Weingut je zwei Pinot Noirs aus den 1980er-Jahren. Nach der Verkostung ist man sich einig: Alle vier Weine haben sich sehr gut gehalten, zeigen noch Rückgrat und eine beachtliche säuregestützte Frische. Nein, das sind keine Mainstream-Weine, sondern eigenständige Kreszenzen mit Charakter und einer beeindruckenden Langlebigkeit. Wenn das kein verheissungsvolles Zukunftsversprechen für die heute erzeugten Weine ist!

AUS DEM REBBERG

Sanfter Rebsortenwechsel

«In unserer Räuschling-Lage Seehalden standen einige Reihen Lemberger-Reben. Doch die fühlten sich dort offensichtlich nicht wohl. Wir entschlossen uns deshalb zu einem Sortenwechsel.

Dazu schnitten wir von unseren besten Räuschlingreben Stecklinge ab, die dann ein Spezialist aus Frankreich auf die bestehenden Unterlagsreben aufpropfte. Wichtig ist dabei, dass diese Reben wie frisch gepflanzte Jungreben ausgiebig gewässert werden.

Mit dem Resultat sind wir sehr zufrieden. Praktisch alle aufgepropften Stecklinge haben diese Prozedur bestens überstanden. Bereits im Folgejahr konnten wir den vollen Traubenertrag ernten.»


Alain Schwarzenbach

Besuchen Sie unsere Freunde auf
www.reichenau.ch



Redaktion Daniel Kleiner
Text Rudolf Trefzer
Bilder Christian Reichenbach