Ausbildung
im Fokus
Edition 15
Eisheilige
Der Morgen ist grau und kalt. Es hat über Nacht geschneit und auf den Hügeln auf der anderen Seeseite liegt eine dünne Schneeschicht. Die Eisheiligen kommen pünktlich dieses Jahr. Sie sind eine feste Grösse im Jahreskalender der Landwirtschaft und Generationen von Winzern haben ihre Augen aufmerksam auf das Wettergeschehen zwischen dem 11. und 16. Mai gerichtet. Bis zur «Kalten Sophie» ist alles möglich, so heisst es. Erst danach kann man guten Gewissens die Frostreserven wegschneiden, ein Ersatztrieb, der beim Rebschnitt belassen wird, falls der angebundene Trieb in späten Frostnächten beschädigt wird.





Nach und nach kommen die Mitarbeitenden die knarzende alte Holztreppe des Winzerhauses hinauf. Die Kaffeemühle ist zu hören, wie an jedem Arbeitstag kurz vor acht. Dennoch liegt etwas Fremdes in der Luft – ein leichtes Spannungsgefühl. Liun Padrun, Auszubildender im 3. Lehrjahr, sitzt schon am Tisch. Heute ist der Tag seiner Lehrabschlussprüfung. Seit zwei Jahren ist er auf dem Betrieb, hat mit dem Team Seite an Seite in den Reben, im Keller, im Verkauf und an Events gearbeitet. Heute darf er zeigen, was er gelernt hat. Die Nervosität ist ihm anzusehen, aber Önologe Luca Passante versucht ihn aufzulockern. Freundschaftliches Necken gehört dazu und bringt ein Lächeln auf das Gesicht des angehenden Winzers. Neben ihm liegt das Ausbildungsheft. Sorgfältig abgeheftete Notizen zu den wichtigsten Punkten der praktischen Ausbildung. Einiges wohl, so lässt Liun verschmitzt grinsend durchblicken, auf den letzten Drücker zusammengetragen, ausgedruckt und eingeklebt.





Auch Alain Schwarzenbach begrüsst seinen Schützling besonders aufmerksam heute Morgen. Auf die Ausbildung wird bei Schwarzenbach Weinbau schon immer grossen Wert gelegt. Die Liste der ehemaligen Auszubildenen ist lang. Wird sich heute der nächste darauf eintragen?
Pauline Kruseman, Önologin bei Obrechtweine in Jenins und Markus Mahler, Rebmeister bei der Stadt Schaffhausen, die heutigen Experten der Prüfungskommission, treffen kurz nach dem Team ein. Beim Kaffee unter Berufskollegen wird zunächst der aktuelle Stand der Reben auf den Heimat-Betrieben besprochen. Der fachliche Austausch untereinander ist für alle Winzer*innen ein wichtiger Gradmesser. Man vertraut auf Erfahrungswerte und Erlebtes aus erster Hand. Auch die Arbeit als Expert*in wird im Kennenlerngespräch kurz in den Fokus genommen. Alain ist selbst als Prüfungsexperte tätig und verdeutlicht, wie «lässig es ist, immer wieder in andere Betriebe, ihre Arbeitsweisen und Methoden zu blicken.»
Bevor es dann ernst wird, schickt Alain noch ein Augenzwinkern zu Liun: «Auf geht’s – alles unter 5.5 akzeptiere ich nicht.»
«An meine Zeit bei Schwarzenbach erinnere ich mich bis heute gerne zurück. Neben wertvollen fachlichen Einblicken in die Arbeit mit der Rebsorte Räuschling, die ich zuvor nicht kannte und den naturnahen Weinbau mit der Dauerbegrünung der Gassen – für damalige Verhältnisse extrem fortschrittlich – war es vor allem die Herzlichkeit der Familie, die mir in Erinnerung geblieben ist. Als Lernender war man Teil des Teams und sass selbstverständlich mit am Familientisch.»
Jean-Claude Martin (1989–1990)
Creation Wines, Südafrika
www.creationwines.com

Keller
Die Prüfer stellen die erste Aufgabe im Keller. Der Plan sah zunächst die Prüfung in den Reben vor, aber aufgrund des noch unbeständigen Wetters wird der Keller vorgezogen. Nachmittags soll es auflockern. Auch dies ist eine wichtige Kernkompetenz im Weinbau: sich auf das Wetter einlassen und flexibel zu reagieren.
Der Grundwein für den Schaumwein «Nothing left to lose» muss steril filtriert werden. Liun wird den Schichtenfilter aufstellen, den Tank für das Filtrat und die Schläuche reinigen und den Filter mit Pumpe korrekt einstellen.
Es ist still im Keller und es wird konzentriert gearbeitet. Worauf kommt es an bei diesem Arbeitsschritt?
Das Sterilfiltrieren ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Schaumwein. Dabei werden verbleibende Kolloide (Partikel) und Bakterien ausgefiltert, was dazu führt, dass der Wein eine höhere Weinsteinstabilität – d. h., dass der Weinstein in der Flasche nicht ausfällt – hat. Das ist beim Schaumwein besonders wichtig, damit nach der zweiten Gärung nicht das unerwünschte «Gaching» (Überschäumen) passiert. Die verwendeten Steril-Filterschichten sind ca. 5 mm dick und bestehen aus hochreiner Cellulose. Für den Arbeitsschritt ist strenge Hygiene erforderlich. Alle Schläuche und der Tank müssen ausgespült und keimfrei sein. Zudem muss der zu filtrierende Wein bereits vorgeklärt sein, d. h. grobe Trübstoffe wurden bereits ausgefiltert, da die Poren der Filterschichten sonst verstopfen. Beim Einsetzen der Filter muss die Fliessrichtung beachtet werden. Es gibt eine rauere Seite für den Einfluss und eine glattere Seite für das Austreten des Filtrats.





Mittlerweile hat Liun Schritt eins mit der Reinigung der Schläuche und des Tanks abgeschlossen. Nun geht es an die Einrichtung des Filters.
Ohne, dass es die Anwesenden merken schaut Alain kurz um die Mauerecke zwischen Abfüll- und Tankkeller. Ein kurzer Blick genügt ihm, um zu sehen, dass da einer auf einem guten Weg ist. «Er weiss ja wie’s geht», der kurze Kommentar mit einer abwinkenden Handbewegung. Beruhigt geht er für den Moment wieder in sein Büro zurück.





«Wie viele Filterschichten müssen es sein?», hört man Pauline eine vertiefende Frage stellen. Liun gibt Auskunft. Er setze 13 Filterschichten ein. Die Filter haben eine Fläche von 40x40 cm = 0.16 m². Für das Volumen des Weins, bei einer Durchlaufgeschwindigkeit von 26 Liter pro Quadratmeter und Minute laut Angaben des Herstellers der Filter und der Erfahrung bei der Filtration der Weine, hält er dies für die optimale Anzahl an Filterschichten. Das resultiert in einer Durchlaufmenge von 3000 Litern in der Stunde. Nach ein paar weiteren Detailfragen zur Fliessrichtung und der Zusammensetzung des Materials der Filterschichten, wird wieder still und konzentriert gearbeitet. Pumpe und Schläuche müssen angeschlossen werden. Für Fachfremde könnte es nach einem rechten Durcheinander aussehen. Am Boden liegen mehrere feuerwehrrote Schläuche. Eingang Pumpe, Eingang Filter, Ausgang Pumpe, Ausgang Filter, Tank Unfiltrat, Tank Filtrat. Da will einiges an Ventilen sicher verschlossen werden, damit nichts vom Guten verloren geht.ittlerweile hat Liun Schritt eins mit der Reinigung der Schläuche und des Tanks abgeschlossen. Nun geht es an die Einrichtung des Filters.
Nach rund 30 Minuten ist die Prüfungseinheit im Keller abgeschlossen. Nun ist es an Alain den Rest der Arbeiten zu erledigen und das Filtrieren zu beaufsichtigen. Manchmal eine willkommene Abwechslung, um der bürokratischen Seite des Winzeralltags im Büro zu entkommen.
«In zehn Minuten Treffen am Schopf.», lässt Pauline dem Auszubildenden eine kurze Verschnaufpause bevor es an die nächste Prüfungseinheit geht.
«Mein Lieblingssatz als Lernender in der Reblaube:
Mached mer Fiirabig und trinked no eis!»
Thierry Grosjean (1973–1974)
Caves du Château d'Auvernier, Neuenburg
www.chateau-auvernier.ch
Pflanzenschutz
Pflanzenschutz ist im Weinbau ein wichtiges Thema. Schädlinge, Krankheiten, aber auch Wetterextreme wie Sonnenbrand, Hagel oder Frost können sowohl die Menge als auch die Qualität der Trauben stark beeinflussen und damit den späteren Wein. Ziel des Rebschutzes ist es deshalb, die Reben möglichst gut vor solchen Einflüssen zu schützen.
Dabei kann man sich nur teilweise auf die Selbstregulierung der Natur verlassen. Im Weinbau – wie auch bei anderen Kulturen – wachsen sehr viele Pflanzen auf engem Raum, eine Dichte, die so in der Natur nicht vorgesehen ist. Genau das schafft ideale Bedingungen für Schädlinge und Krankheiten, da sie besonders einfach Nahrung finden und sich schneller ausbreiten können.
Die erste Einheit der Prüfung zum Thema Pflanzenschutz dreht sich um den Spritzplan für die aktuelle Vegetationsperiode. Schwarzenbach Weinbau arbeitet auf der Hälfte der Fläche biologisch (ohne Zertifikat). Alle Flächen werden ohne Herbizid und ohne Insektizid bearbeitet. Wofür braucht es dann überhaupt Pflanzenschutzmassnahmen mag man sich fragen. Es werden vor allem mineralische Präparate (Kupfer gegen Falschen Mehltau und Schwefel und Backpulver gegen Echten Mehltau) und verschiedene Pflanzenextrakte, wie z. B. Orangenöl gespritzt, um Pilzkrankheiten und Schädlinge abzuwehren und die Pflanzen zu stärken. Gespritzt wird präventiv, besonders in der Hauptwachstumsphase zwischen Mai und August. Wichtig sind dabei die Phasen vor und während der Blüte. Interessant zu erwähnen ist, dass das Spritzen beim biologischen Weinbau öfter passieren muss, da die natürlichen Präparate wie ein Schutz auf der Pflanze liegen und bei Regen schnell abgewaschen werden.





Nun geht es weiter in die Reben. Die Biodiversität im Rebberg ist heute neben dem Pflanzenschutz ein wichtiger Bestandteil zur Stärkung der Rebe. Je mehr Leben im Boden und Vielfalt im Rebberg, desto gesünder sind die Pflanzen. Dabei gibt es erwünschte und unerwünschte Pflanzen. Die Prüferin schickt das geschulte Auge des Jungwinzers los: «Bring uns bitte mindestens fünf Kräuter aus dem Rebberg, die du im Anschluss benennen und ihre Eigenschaften erläutern kannst», wird die nächste Aufgabe präzise gestellt. Das Gras wächst aktuell recht hoch und Liun geht konzentriert zwei, drei Reihen hinauf und wieder hinunter. Das Benennen der «Chrüütli» ist nicht sein Lieblingsthema, aber nach fünf Minuten bringt er eine Handvoll Blumen und Pflanzen mit. Er erläutert anhand der Beispiele, was erwünschte Effekte im Rebberg sind, wovor man die Reben schützen muss und wie sich invasive Arten auf unser Biotop auswirken. Die Brennnessel zum Beispiel ist der Hauptwirt für den Überträger der Schwarzholzkrankheit, die Glasfügelzikade. Ist der Rebberg von der Krankheit betroffen, sollte man im Frühling die Brennnesseln durch Aushacken oder Ausstechen entfernen.





Der nächste Prüfungsabschnitt in den Reben ist das «Erlesen». Aktuell ist Schwarzenbach Weinbau mit dem Rebhelfer*innen-Team damit beschäftigt, überzählige Triebe durch Ausbrechen zu entfernen. Die Rebe soll sich auf einen Haupttrieb konzentrieren können und die Energie gezielt einsetzen. Das reguliert bereits jetzt die Menge pro Stock und erhöht die Qualität der Trauben. Liun beschreibt langsam Schritt für Schritt seine Arbeit, so als würde er den Prüfern die Arbeit erklären. «Mit wie viel Gramm rechnest du jetzt bei diesem Stock zum Zeitpunkt der Wümmet?», fragt Markus. Liun antwortet schnell: «Eins Komma zwei Kilo», schätzt er. Markus lässt noch nicht locker: «Wie bist du da jetzt draufgekommen?» Liun rechnet vor, was er aus der Erfahrung der letzten beiden Lesen und dem theoretischen Unterricht weiss.





Nach dem Erklären und Erläutern wollen Pauline und Markus seine Fähigkeiten auf Effizienz prüfen: «Jetzt mach mal diese Reihe fertig.» Liun lässt sich das nicht zweimal sagen. Erlesen war er aktuell mehrmals in der Woche, hat die externen Rebhelfer*innen angeleitet. Mit hohem Tempo arbeitet er sich vor. Die Rebschere, das Werkzeug, das die Weinfachleute immer am Hosenbund tragen im Anschlag, für alle Zweige, die mit der Hand nicht mehr abzubrechen sind. Schnell und mit gekonnten Handgriffen ist die Reihe erledigt.
Nach weiteren zehn Minuten Pause steht nun das Fachgespräch an. Hinter verschlossenen Türen wird Liun anhand seiner Arbeitsunterlagen eine Aufgabe gestellt. Nach 45 Minuten Vorbereitung steht er den Experten Rede und Antwort.
Aber dazwischen wartet noch die willkommene Mittagspause. Teammitglieder, Rebhelfer*innen, Prüfungsteam und Auszubildender versammeln sich in der Winzerstube. Es gibt herzhafte Hausmannskost aus dem Meilener Traditions-Restaurant «Löwen».
«Wenn ich an meine Zeit bei Schwarzenbach zurückdenke, kommen mir nicht zuerst die Reben oder der Keller in den Sinn, sondern die Ofenbank in der Stube. Dort gehörte ein Mittagsschläfchen für mich dazu. Manchmal mit Zorro, der roten Katze, die es sich auf meinem Bauch gemütlich machte. Und wenn sie gerade keine Zeit hatte, übernahm der kleine Alain diese Aufgabe auf etwas lebhaftere Weise. Bei Schwarzenbach war man nie einfach nur Lernender, sondern mittendrin im prallen Leben einer Winzerfamilie.»
Paolo Visini (1996–1997)
Kopp von der Crone Visini, Tessin
www.cantinabarbengo.ch






Mechanisierung
Das Fachgespräch ist gut gelaufen. Liun ist sichtlich entspannter als am Morgen. Mittlerweile ist «Land in Sicht.» Als letzten Punkt prüfen Pauline und Markus jetzt noch den Themenbereich Mechanisierung. Markus ist hier besonders wichtig, dass die Auszubildenen den Umgang mit Traktor und Maschinen in der Ausbildung lernen und beherrschen. Im Schopf hängt Liun das Mulchgerät mit Stockbürste an und fährt den Traktor sicher in die Reben. Das Anhängen war etwas herausfordernd, da der Untergrund an dieser Stelle nicht ganz eben ist. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Zaghaft ist er nicht und man merkt ihm an, dass dies nicht das erste Mal ist, dass er die Maschinen bedient.





In den Reben soll er nun zwei Reihen mulchen. Gemulcht wird immer nur jede zweite Gasse. So wird die Konkurrenz um Wasser und Nährstoffe für die Rebe reduziert, aber die Biodiversität gleichzeitig hochgehalten. Die ersten Meter noch etwas ruckelig und nicht ganz sauber gefahren, sehen die Augen der Prüfer*innen spätestens ab Reihe zwei eine saubere Arbeit. Insgesamt ist die Prüfung wohlwollend und praxisorientiert. Es geht darum zu sehen, wie der Lernende Unterrichtsinhalte in der Praxis umzusetzen weiss und den Betrieb in der Lehrzeit kennengelernt hat. Der Traktor wird kurz gestoppt und zu dritt machen Lernender und Prüfende einen kurzen Austausch. Was ist gut gelaufen, was eher nicht? Worauf muss man generell achten. Jetzt geht es mit dem Traktor zurück auf den Hof und die Maschine wird noch fachgemäss gereinigt und geschmiert. Liun ist nicht ganz zufrieden, findet nicht alle Schmiernippel, aber die Prüfer haben alles gesehen. Sie nicken sich zu. Für sie ist die Sache erledigt. «Schon fertig.», grinst Pauline Liun zu. Sie weiss, wie viel Anspannung in so einem Tag steckt.

Die Sonne scheint und nachdem der offizielle Teil beendet ist, stösst auch Alain wieder dazu. Das Ergebnis wird noch nicht verraten, aber zumindest sehen alle Beteiligten für den Moment zufrieden aus. Darauf darf ein Glas Schaumwein zum Anstossen nicht fehlen. Gemeinsam lässt man den Prüfungstag noch ausklingen und schaut auf die nächsten Wochen im Rebberg mit den individuellen Herausforderungen je Betrieb.
Interview mit Peter Schumacher
Was es braucht, um als Winzer*in langfristig erfolgreich zu sein
Es ist heiss an diesem Dienstag Ende Mai. Die längste und heisseste Hitzeperiode in einem Mai seit Aufzeichnungsbeginn. Ich, Daniela Mennigmann, treffe mich mit Peter Schumacher, Dozent für Weinbau und Pflanzenphysiologie, an seiner Wirkungsstätte, dem schön gelegenen Campus Grüental an der ZHAW Wädenswil.
Das Gespräch findet im schattigen Garten, unweit von Rebbergen, Obstplantagen und weiteren Versuchs- und Übungsanlagen statt. Die aktuelle Trockenheit, die schon das ganze Frühjahr dominiert, beschäftigt den Professor. Was denn Alain zu der Trockenheit meine. Wie es wohl den Reben gehe. Die Pflanzen liegen ihm am Herzen und die Reben besonders. Das merkt man sofort.
Peter Schumacher unterrichtet seit mehr als 28 Jahren in den Themen Weinbau und Pflanzenphysiologie, hat Bodenkunde, Pflanzenschutz, aber auch Marketing und Betriebslehre für Winzer*innen unterrichtet. Alle möglichen Laufbahnen und Abschlüsse hat er als Dozent begleitet: an der Berufsschule angehende Winzer*innen ausgebildet, den Unterricht in der früheren Ausbildung zum Winzermeister/ zur Winzermeisterin gegeben und schwergewichtig an der ZHAW Bachelor und Masterstudierende unterrichtet.
Peter, wie bist du beim Rebbau gelandet? «Mein Grossvater hatte einen Rebberg am Brestenberg am Halwilersee. Dort habe ich bereits als kleiner Junge mitgeholfen. Der Wein als Pflanze und als Kulturgut haben mich fasziniert. Bei meinem Grossvater gehörte ein Glas Wein selbstverständlich zum Mittagessen und zum Abendessen dazu. Diese naturverbundene Kindheit hat mich geprägt und so habe ich im Anschluss Agronomie studiert, doktoriert und bin als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der damaligen ISW gelandet.»
Wie bist du auf Schwarzenbach Weinbau aufmerksam geworden? Wie lange kennst du das Weingut? «Ich muss ehrlich sein. Bevor ich hier unterrichtet habe, habe ich mich nicht so viel mit Schweizer Wein beschäftigt. Aber das hat sich schnell geändert. In einem meiner ersten Jahrgänge war dann Alain Schwarzenbach. Ich habe ihn zunächst als Berufsschüler und dann später auch als Meisterschüler unterrichtet. Auch sein Bruder Roger ging bei mir in die Schule.»

Wie hast du Alain als Schüler erlebt?
«Es ist ja schon lange her. Manche Erinnerungen sind etwas diffus. Aber ich meine mich zu erinnern, dass er mit den Gedanken oft ganz woanders war. Die Schulbank hat er nicht gerne gedrückt, vor allem in der Berufsschule. Seine Noten waren in Ordnung, aber die Theorie hat ihn nicht sehr interessiert. Er hatte immer so ein kleines Gerät dabei. Ich habe gedacht, er hört mir gar nicht zu und spielt an seinem Gerät herum. Aber tatsächlich war das wohl ein Gerät, um sich Notizen zu machen. Das hat er mir neulich erzählt, als wir uns bei einer Degustation im Weinbaumuseum getroffen haben.
Aber die Schüler*innen sind jeweils noch so jung in der Berufsschule. Die Persönlichkeit darf und muss da noch reifen. Insbesondere die Jungs nehmen im Laufe der Berufsschulzeit eine steile Entwicklungskurve. Bei Alain hat man das gemerkt, als er nach ersten Berufs- und Wanderjahren in Australien und Neuseeland zurück zur Meisterschule kam. Ein ganz anderer Mensch stand da vor mir. Ich halte diese Reisejahre – zum Beispiel als Praktikant im Burgund – für angehende Weinfachleute für extrem wichtig. Man lernt neue Methoden kennen, gewinnt Einblicke in andere Betriebe, baut sich ein Netzwerk auf und wird sich im besten Fall darüber im Klaren, wie man den eigenen Betrieb führen oder den eigenen Berufsweg gestalten möchte.»
Weinbau am Zürichsee: Wird es den auch in Zukunft geben und wenn ja, in welcher Form?
«Ich bin mir absolut sicher, dass der Weinbau am Zürichsee auch in Zukunft Bestand hat. Die Weinbaubetriebe haben durch die extreme Qualitätssteigerung der letzten Jahrzehnte eine Basis für den Fortbestand gelegt. Ausbildungsbetriebe wie Schwarzenbach Weinbau haben extrem dazu beigetragen, dass unsere Fachleute gut ausgebildet sind und sei es bei Traubenproduzenten oder auf Weingütern exzellente Arbeit leisten. Dazu muss auch gesagt werden: So gut die Lehre hier bei uns und an der Berufsschule, dem Strickhof, auch ist. Die Weinherstellung lernt man auf dem Betrieb und nicht in der Schule. Die theoretischen Inhalte sind vor allem in Leitungsfunktionen wichtig, aber für das Weinmachen, da braucht es Praxis und Erfahrung auf dem Betrieb.»
Welche Eigenschaften und Fähigkeiten braucht es als angehender Weinfachmann / angehende Weinfachfrau?
«Als Mitarbeitender im Rebberg ist das konzentrierte Bedienen der Maschinen für mich zentral. Da kann einfach viel schiefgehen und die Personen müssen die Maschinen am Betrieb kennen und sicher in der Bedienung sein. Dazu braucht es natürlich eine gewisse Freude an den Maschinen und Affinität im Umgang damit. Im Keller wiederum ist es wichtig, dass man sauber, genau und hygienisch schafft. Wenn man dann eine Stufe weitergeht und als Betriebsleiter*in oder in einer anderen leitenden Funktion arbeitet, dann ist Kommunikationsfähigkeit für mich eine der wichtigsten Eigenschaften. Als Winzer*in auf dem eigenen Betrieb – ja da ist es dann noch absolutes Commitment. Aber dann wird der Job auch erst richtig spannend, wenn ich gestalten kann. Wenn ich meinen Traum vom eigenen Wein umsetzen kann.»
Wie hat sich deiner Meinung nach die Ausbildung in den letzten zwanzig Jahren verändert?
«Im Grunde hat sich die Ausbildung nicht massiv verändert. Die wichtigsten Lernziele sind auch nach verschiedenen Reformen immer noch gleich. Natürlich gewinnen Themen wie der Biologische Weinbau, der Anbau von Piwi-Sorten (alternative pilz-widerstandsfähige Sorten) mehr an Präsenz – gab es aber auch damals schon. Ein wichtiger Punkt ist und bleibt der optimale Erntezeitpunkt. Da wird sicherlich heute genauer hingeschaut.»
Wie erlebst du die heutige Generation der angehenden Winzer*innen im Vergleich zu früher? Gibt es Veränderungen in der Motivation, in den Erwartungen oder der Haltung zum Beruf?
«Meine lange Erfahrung zeigt mir, dass es früher ein breites Spektrum an Schüler*innen gab und heute ist es nicht anders. Manche haben von Anfang an ein klares Ziel vor Augen und wissen genau, wo sie hinwollen, weil sie zum Beispiel den elterlichen Betrieb übernehmen möchten, während andere sich erst noch entwickeln und den eigenen Weg finden müssen. Was mir immer wieder auffällt ist, dass die Zweitausbildner der Branche nach der Ausbildung eher verloren gehen. Gut ausgebildeten Menschen muss man auf den Betrieben auch Perspektiven geben, sich zu entwickeln. Wie ich schon sagte, macht der Beruf ab einer gewissen Erfahrungsstufe nur Spass, wenn ich mich intern weiterentwickeln und manchmal vielleicht auch «austoben» kann.»
Wenn du generell auf den Schweizer Wein blickst – wo siehst du die grössten Chancen in den nächsten Jahren?
«Gute Ausbildungsbetriebe wie Schwarzenbach am Zürichsee sorgen dafür, dass Schweizer Weine eine Top-Qualität haben. Dank dem guten Renommée wird der Zürichseewein auch in Zukunft eine wichtige Stellung am Markt einnehmen. Für die Entwicklung des Schweizer Weins allgemein muss man regional stark differenzieren. Langfristig gesehen werden die Betriebe, die weiter entfernt von den Konsumenten liegen, mehr ins Marketing investieren müssen. Dies wird auf wachsende Betriebsgrössen hinauslaufen, die den Winzern das Abfedern der Fixkosten ermöglichen. Oder man setzt auf so geniale Modelle, wie die Keller-WG bei Schwarzenbach. Vier Winzer, die sich einen Keller teilen und Einkaufs- und Fixkosten somit tiefer halten.»
Was begeistert dich persönlich nach all den Jahren noch immer an Rebe und Wein?
«Für mich gibt es kein Landwirtschaftsprodukt, was derart fein die Standortbedingungen widerspiegelt – auch historisch gesehen ist der Weinbau der schönste Spiegel der Natur und der Geschichte der Region. Nicht zuletzt ist Wein auch ein ganz wunderbares Getränk.»
Hast du eine Lieblingsrebsorte?
«Für mich sind die Piwi-Sorten Pflicht. Da kriegen wir hier rund um den Zürichsee bei den Weissen auch richtig gute Tropfen geboten. Am Herzen liegt mir auch der Blauburgunder und sowohl international als auch regional ganz klar der Syrah.»
Interview: Daniela Mennigmann
Das Wissen weitergeben
Ausbildung seit Generationen
«Die Ausbildung von Jungwinzer*innen ist fester Bestandteil unserer Betriebskultur. Liun ist das neueste Gesicht in dieser langen Tradition. Dabei ist mir wichtig, dass die Lernenden ganzheitlich in den Betrieb eingebunden sind. Sie lernen alles von A bis Z: die Arbeiten im Rebberg, im Keller, aber auch den Verkauf an Events und im Geschäft. Nur so können sie vollumfänglich von unserem Wissen und unserer Erfahrung profitieren. Die Praxiserfahrung hilft Ihnen, die theoretischen Lerninhalte zu verinnerlichen und zu festigen. Liun, ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren beruflichen und privaten Lebensweg.»
Alain

«An der Arbeit als Winzer gefällt mir am besten das Arbeiten mit der Maschine: mulchen, spritzen, mähen. Aber auch die Handarbeit macht mir Freude. Ein, zwei Stunden in den Reben und ich kann richtig abschalten.»
Liun Padrun (2025–2026)
Liun absolvierte das 2. und 3. Lehrjahr
bei Schwarzenbach Weinbau.